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XING  
Juni 2003
 
 
Engagiert wie ich bin fuhr ich heute trotz sibierischem Bluthustens nach Seeheim auf eine zweitägige Konferenz, in der Hoffnung essentielle neue Dinge zu erfahren, die ich für meine nahe beruflich Zukunft nutzen kann. Doch Pfeifendeckel, nichts das auch nur annähernd neu für mich gewesen wäre. Zu meinem Glück reihte sich, dass eine Delegation Friseure im Schulungszentrum tagte, denen ich mit meinem Gefeuche und tränenunterlaufenend Augen und Tempotaschentuch im Gesicht überhaupt nicht auffiel. Aber dem nicht genug. Folgte ich doch im Augenblick geistiger Umnachtung dem Aufruf des attraktiven Seminarleiters nach Freiwilligen mit dem Versprechen eines unvergesslichen Erlebnisses, in der Hoffnung den Tag noch irgendwie positiv enden lassen zu können. Und was war der Lohn. Ich durfte mich vor der versammelten Mannschaft zur Idiotin machen, indem ich mit professionellen Flamencotänzerinnen auf der Tanzfläche eine Cessida, Tessada, Tortilla oder was auch immer tanzen durfte. Wenn das nicht das Opfer wert war!
 
 
Toll, da habe ich das Wochenende mal nix vor, das Wetter ist klasse, es ist Straßenfest im Bermudadreieck, wo haufenweise attraktive Singles rumlaufen und was mache ich? Ich liege mit Schüttelfrost - und das ist keine Figur aus einem Batmankomik - und Bronchitis im Bett! Wenn ich nicht bis spätestens Freitag zur Gala fit bin, dann flip ich aus!
 
 
Heute gingen die ersten beiden "altgedienten" Kollegen, die innerhalb der Umstrukturierung keinen neuen Platz gefunden haben. So sehr ich mich in der Vergangenheit mit und über Frieda geärgert hatte, so macht die Art und Weise wie mit ihr in den letzten Wochen und Monaten umgegangen worden ist doch etwas nachdenklich wie es mir wohl mal eines Tages ergehen wird, wenn ich nicht mehr neunundzwanzig bin und die Firma mich loswerden muß. Ich sollte mich schleunigst nach einem Mann umsehen, der mir eine finanzielle Stütze sein kann, wenn es mal soweit ist.
 
 
Im Büro kehrt so langsam Endzeitstimmung ein. Zum ersten Juli sollen ja die Hebel umgelegt werden und eine neue Zeitrechnung beginnen. Da das für einige das Ende bedeuten wird ist die Stimmung nicht wirklich klasse. Und innerhalb dieser "Euphorie" durfte ich auch noch in die verbotene Stadt, meinem zukünftigen Wirkungskreis. Die Kollegen und Kolleginnen sind ja alle lieb und nett, aber ein bisschen einsam fühle ich mich dort ja schon. Wenn ich in Zukunft als einzige Kölnerin täglich nach "Alt"Stadt fahren soll. Hoffentlich verschiebt sich der Termin der Umsetzung noch eine Weile!
 
 
Ein mehr als schwarzer Tag. Heute sollte der letzte Kulturschock auf dem Kartäuserwall stattfinden. Was noch vor Wochen als Highlight gedacht war, den ersten Open Air Schock mit dem SCHULZ zusammen zu fahren, wurde doch arg getrübt durch die Tatsache, dass das Haus in circa vier Wochen für immer schließen wird.

Doch das sollte nicht das einzige bleiben, das mich nachdenklich stimmen sollte. Nein! Hatte sich doch tatsächlich Gabi wieder aus der Asche erhoben, in die sie für mich vor einem halben Jahr zerfiel, nachdem sie hinter meinem Rücken gegen mich intrigierte. Ich gönne es ihr durchaus umjubelt zu sein. Schließlich ist sie eine sehr komische Person auf der Bühne - wenn ich das mal auch privat von ihr sagen könnte - aber dass sich meine Freunde (?) mit ihr scheinbar prächtig vor und während der Show unterhielten, nachdem sie mich und uns so beschimpft hatte, nachdem sie aus eigenen Beweggründen gegangen war, das finde ich schon sehr fraglich!

Doch dem nicht genug. Wurde mir doch auch noch mein Portemonnaie entwendet, während ich auf der Bühne war, obwohl ich meinen Freunden (?) vorher mehrmals sagte, dass der Inhalt meiner Handtasche mein halbes Leben beinhalte. Das war aber wohl nicht eindringlich genug, denn als ich nach der letzten Nummer der Show auf der Bühne gehalten und die restlichen KünstlerInnen auf selbige gerufen wurden hielt es keine/r für nötig meine Wertsachen mitzunehmen oder wenigstens einem vertrauenswürdigen Zuschauer oder Helfer in die Hand zu drücken. Nein, statt dessen rannte man auf die Bühne und informierte mich dort noch, dass die Handtasche jetzt unbeobachtet sei. Tja, nicht unbeobachtet genug. Einer hat's gesehen und den Nutzen daraus geschlagen!
 
 
Dank meines neuen fahrbaren Untersatzes habe ich eine alte Freundin in Herne besucht. Sie kenne ich noch aus der Zeit, als ich mich als Fallschirmspringerin in Kassel Calden versucht hatte. Das war zwar nur eine kurze Karriere, da ich bei meinem siebten Absprung in der Hochspannungsleitung landete - seither habe ich diese wunderbaren Locken - und Calden zwanzig Minuten stromtechnisch lahm legte, aber die Freundschaft ist uns bis heute geblieben. Das war eine Freude, sie nach so langer Zeit wiederzusehen. Durch sie habe ich auch Betty La Minga kennengelernt, bevor sie hier in Köln wie eine Granate einschlug. Das witzige ist, dass Bettina - meine Freundin - Betty schon kannte, als sie noch Birgit hieß. Aber das erzähle ich besser nicht weiter!
 
 
Mel hat eine neue Berufung gefunden. In Zukunft wird sie nur noch vor Bestattern auftreten. Tja, Not macht erfinderisch. Hatte schließlich ein Dussel von Umzugsfuzzi ihre Kostume ungeschützt auf die Terrasse gestellt und der nachfolgende Regen der letzten Tage tat sein übriges. Fast ihre gesamten Kostume fielen dem Schimmel zum Opfer. Da bleibt ihr jetzt ja kaum noch eine andere Alternative als vor Bestattern aufzutreten. Die sind den Stockgeruch immerhin gewohnt und bemerken ihn bestimmt nicht. Oder sie könnte eine Kino Karriere in Erwägung ziehen. Im zweiten Teil von "Super süß und super Sexy", der unter dem Titel "Super nass und super stockig" laufen soll hat sie bestimmt eine Chance!
 
 
Ich habe wieder ein Motorrad! Spontan wie ich bin habe ich mir eine fette Funduro gekauft. Jetzt rase ich mit achtundneunzig PS und fast tausend Kubikzentimetern zwischen den Schenkeln über die Straßen. Endlich vibriert mal wieder was zwischen den Beinen, wann immer ich will!
 
 
Na das war ja vielleicht ne Pleite. Da der Hamburger CSD nicht genügend Sponsoren hatte fiel die Parade total mickrig aus. Das ist doch echt kaputt. Eigentlich ist der CSD eine Demonstration, um an den Aufstand der Schwulen und Transen im Stonewall in New York vor über fünfundzwanzig Jahren zu erinnern. Der erste Aufstand einer unterdrückten "Minderheit", der seither celebriert wird durch diese Parade und statt dessen warten jetzt die Schwulen und Lesben darauf, dass West, Jacobs oder Benson & Hedges genügend Kohle rausrücken, damit sie sich chice Fummel leisten können und genügend Gagen an irgend welche Heten zu zahlen, damit eventuell auch noch lokale Fernsehsender das ganze Spektaktel zu filmen. Klar, dadurch wird auch in den hintersten Winkel der Republik gesendet, dass es sich nicht um eine Minderheit handelt, aber wer wird denn gefilmt? Transen, schrille Fummel oder Lederkerle, die halb nackt irgend wo rumvögeln. Ob das im Sinne von Stonewall ist?

Na ja, und da diese Spnsoren fehlen fällt die Demo aka Parade fast ins Wasser und das, wo das Wetter so klasse ist. Na da bin ich ja mal auf den in Köln gespannt!
 
 
Heute gings wieder nach Hamburg. Morgen ist CSD und nach dem Spaß, den ich letztes Jahr hatte lasse ich mir den durch den noch immer geschwollenen Fuß nicht nehmen!
 
 
Das SCHULZ meldet Insolvenz an. Das heißt wir Schocklett's sind heimatlos und ich hatte meinen letzten Auftritt in der Katakombe irgend wann im April - nicht mal beim Saisonende war ich dabei. Das stimmt mich schon irgendwie sentimental.
 
 
Mein Fuß ist immer noch geschwollen und mittlerweile könnte man denken ich hätte Gefrierbrand! Vor lauter Kühlung blättert meine Haut in riesigen Fetzen vom Fuß. Trotz literweiser bodylotion krieg ich das nicht in den Zaum. Hoffentlich geht das bis zum Open Air Schock weg, sonst muß ich in blickdichten Stümpfen auftreten.
 
 
Die letzten Tage hier in den Highlands vergingen wie im Flug. Kein Wunder. Wanda lebt ja auch wie eine Fürstin. Nichts fehlt an Luxus. Mich hätte es nicht gewundert, wenn sie Braveheart als Bodyguard gehabt hätte. (Dass sie ihn perönlich gekannt hat, davon bin ich allerdings überzeugt!)
 
 
Ich hab mich dann doch entschlissen heute noch nach Schottland zu fliegen. Ein Leserbrief in der RIK hat mich dazu bewogen Wanda auf ihrem Anwesen zu besuchen. Letzten Monat hatte sich Mabel Donovan ja darüber ausgelassen, dass sie es unmöglich fände, dass Wanda beabsichtigen würde wieder auf die Bühne zu gehen. Ob das so ein Diven Gehabe sei, bei dem die Künstlerin dauernd ihren Abtritt von der Bühne erklärt und dann ettliche come backs feiert. Was weiß denn Mabel schon, schließlich hatte Wanda immer gesagt, dass sie immer mal wieder zu sehen sei. Schließlich ist sie nicht tot, sondern nur im Ruhestand. Außerdem denke ich, dass da jemand ganz anderes dahinter steht, die Angst bekommen hat, dass Wanda ihr mal wieder die Grenzen zeigt. Schließlich war und ist Wanda ein Multitalent, das mit Können brilliert und nicht mit der Kunst andere, zugegebener Maßen, perfekt zu kopieren. Aber hätte es diese Showgrößen nicht vor ihr gegeben, dann hätte dieser Stern sich doch eher als Komet entpuppt. Und genau das stand diesen Monat in einem Leserbrief in der RIK!

Zum Glück hatte sich Wanda von diesen Angriffen nicht beeinflussen lassen. Wie ich ihr bei einem Gläschen Wein bestätigte freuen wir uns alle darauf sie im September mit Herrn Noblesse und Duotica auf der Bühne des Atelier Theaters zu sehen. Jetzt müssen zwar die Künstlerinnen, die sich in Sicherheit wähnten wieder fürchten, dass sich jeder daran erinnert wie genial Wanda war - und noch ist - aber Konkurrenz belebt schließlich das Geschäft! Ich bin auf jeden Fall froh, dass die alte Dame es wieder mal nach Köln verschlagen wird und uns Freue bereiten wird!
 
 
Heute musste ich leider wieder nach Köln. Nicht dass es mir da nicht gefällt, aber hier am Pool in der Sonne zu liegen hätte ich durchaus noch ein paar Tage ertragen. Aber was soll ich machen, die Kollegen im Büro sind ohne mich einfach aufgeschmissen und Immelda vermisst sicher auch schon ihre tägliche Demütigung durch mich. Als Arbeitgeberin trage ich nun mal erhebliche Verantwortung und verantwortungsbewusst wie ich bin kann ich halt nicht anders als nach Köln zurückzufliegen.